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1. September 2026

Fallzahl und Höhenlage: Warum dieselbe Probe auf 800 Metern besser aussieht als im Flachland

Die Höhenlage des Messorts beeinflusst die Fallzahl systematisch – und zwar in eine unangenehme Richtung. Je höher das Labor liegt, desto höher fällt die Fallzahl aus. Ursache ist der Siedepunkt des Wasserbads, der mit sinkendem Luftdruck zurückgeht. Der Effekt ist gut dokumentiert, in den USA seit Jahren offiziell korrigiert und im deutschsprachigen Raum praktisch unbekannt. Dieser Artikel zeigt, warum die Fallzahl auf den Luftdruck reagiert, wie gross die Abweichung in Sekunden ausfällt und wie du sie korrigierst.

Beeinflusst die Höhenlage die Fallzahl?

Ja – systematisch und mit klarer Vorzeichenrichtung: Je höher der Messort, desto höher die gemessene Fallzahl. Der US-amerikanische Federal Grain Inspection Service formuliert es als Faustregel für den amtlichen Getreidehandel genau so.

Das ist deshalb heikel, weil die Verzerrung die Ware besser aussehen lässt, als sie ist. Ein Auswuchsverdacht, der auf 800 Metern gerade noch durchgeht, kann in einer Mühle im Flachland zur Reklamation werden – ohne dass sich an der Partie etwas geändert hätte.

Zur Erinnerung, worum es beim Test überhaupt geht: Die Fallzahl nach Hagberg-Perten misst indirekt die Aktivität der Alpha-Amylase, also den Auswuchsschaden. Eine Suspension aus Schrot und Wasser wird im kochenden Wasserbad verkleistert, ein Rührstab wird 60 Sekunden lang bewegt und danach fallen gelassen. Die Fallzahl ist die Gesamtzeit in Sekunden, inklusive dieser 60 Sekunden Rührzeit – der kleinstmögliche Wert ist also 60. Je mehr Alpha-Amylase in der Probe steckt, desto stärker wird die Stärke abgebaut, desto dünnflüssiger das Gel und desto schneller sinkt der Rührstab. Ein niedriger Wert bedeutet also schlechte Ware.

Der Test ist über ICC-Standard 107/1, ISO 3093 und AACC 56-81.03 normiert und weltweit die Handelsgrundlage für Auswuchs. Und genau weil er auf einem kochenden Wasserbad beruht, hängt er am Luftdruck.

Warum reagiert die Fallzahl auf den Luftdruck?

Vereinfacht gesagt: «Kochend» ist keine feste Temperatur. Wasser kocht in der Höhe kühler – und die Fallzahl misst genau das, was in diesem kochenden Bad mit der Stärke passiert.

Im Detail: Die Siedetemperatur von Wasser ist der Punkt, an dem sein Dampfdruck den Umgebungsdruck erreicht. Sinkt der Luftdruck, sinkt auch dieser Punkt. Auf Meereshöhe kocht Wasser bei 100 °C, auf 400 Metern noch bei rund 98,7 °C, auf 800 Metern bei etwa 97,3 °C und auf 1200 Metern nur noch bei knapp 95,9 °C.

Ein bis drei Grad klingen harmlos. Für den Test sind sie es nicht, denn zwei temperaturabhängige Prozesse laufen im Röhrchen gleichzeitig ab: Die Stärke verkleistert und baut Viskosität auf, und die Alpha-Amylase baut diese Viskosität wieder ab. Beide Vorgänge reagieren auf die Badtemperatur, aber nicht im selben Mass. Das Nettoergebnis bei tieferer Temperatur ist ein zähflüssigeres System, der Rührstab sinkt langsamer, die Fallzahl steigt. Beschrieben wurde dieser Zusammenhang bereits Anfang der 1980er-Jahre.

Das Tückische daran: Es handelt sich nicht um Rauschen, das sich durch Doppelbestimmung ausmitteln liesse. Alle Werte am selben Standort wandern in dieselbe Richtung.

Wie gross ist der Effekt in Sekunden?

Gross genug, um Handelsentscheide zu kippen. Die massgebliche Untersuchung dazu stammt vom Agricultural Research Service des USDA: Ein Team um Stephen Delwiche hat 2018 in einer begehbaren Unterdruckkammer fünf Höhenlagen zwischen Meereshöhe und 1524 Metern simuliert und an zwölf Weizenschrotproben aus drei Marktklassen gemessen.

Das Ergebnis war bei allen zwölf Proben dasselbe: Mit fallendem Luftdruck stieg die Fallzahl. Eine der Proben wanderte dabei von rund 210 Sekunden auf über 272 Sekunden – dieselbe Probe, dasselbe Gerät, nur ein anderer Umgebungsdruck. Über alle Proben hinweg lag die Standardabweichung der unkorrigierten Werte zwischen 13,2 und 50,9 Sekunden. Nach Anwendung der entwickelten Korrektur schrumpfte sie auf 0,9 bis 14,1 Sekunden.

Diese Korrektur wurde anschliessend an realen Betriebsdaten geprüft: Messwerte von 23 Geräten an 13 Standorten auf Höhen zwischen 0 und 1006 Metern, verglichen mit einem Referenzgerät auf 305 Metern, insgesamt 2274 Proben. Ohne Korrektur zeigte sich exakt das erwartete Muster – Geräte unterhalb des Referenzgeräts unterschätzten die Fallzahl, Geräte oberhalb überschätzten sie. Mit Korrektur sank die Varianz der mittleren Differenzen um 77 Prozent.

Ein wichtiges Strukturmerkmal des Effekts: Er wirkt relativ, nicht absolut. Die prozentuale Verzerrung hängt nur von der Höhe ab, nicht vom Messwert. Bezogen wird sie dabei auf die Fallzahl abzüglich der 60 Sekunden Rührzeit. In Zahlen für Schweizer Verhältnisse:

HöheVerzerrungechte 220 sechte 250 sechte 300 s
200 m+3,5 %226 s257 s309 s
400 m+7,1 %231 s264 s317 s
600 m+10,8 %237 s270 s326 s
800 m+14,5 %243 s277 s335 s
1000 m+18,2 %249 s285 s344 s

Was bedeutet das bei einem Grenzwert von 220 Sekunden?

Die Übernahmebedingungen von swiss granum für Brotgetreide legen für die Ernte 2026 fest: 220 Sekunden für Weizen, 180 Sekunden für Dinkel, 160 Sekunden für Roggen. Diese Werte entscheiden über die Einstufung als Brot- oder Futtergetreide – und damit über einen erheblichen Preisunterschied.

Rechnen wir ein realistisches Beispiel durch. Eine Sammelstelle auf 800 Metern misst 235 Sekunden. Komfortabler Abstand zum Grenzwert, die Partie geht als Brotweizen weg. Dieselbe Probe, in einer Mühle auf 400 Metern gemessen, ergibt rechnerisch 224 Sekunden. Immer noch knapp darüber, aber ohne Reserve. Und im Streitfall bei einem Labor auf Meereshöhe wären es 213 Sekunden – unter der Grenze.

Der amerikanische Befund dazu lautet sinngemäss, dass Partien im Grenzbereich je nach Prüfort auf die eine oder die andere Seite der Spezifikation fallen können, was Unsicherheit ins Marktsystem trägt. Genau deshalb hat der Federal Grain Inspection Service 2019 umgestellt: Seither wird an allen Laborstandorten für den Luftdruck korrigiert und auf Meereshöhe normiert. Zuvor hatten das nur Labore oberhalb von rund 600 Metern getan.

An dieser Stelle eine Einordnung, die zur Fairness gehört: Wenn in der Schweiz praktisch alle unkorrigiert auf ähnlicher Höhe messen, ist der Grenzwert von 220 Sekunden faktisch auf diese Bedingungen eingespielt. Das eigentliche Problem ist also nicht, dass hierzulande flächendeckend «falsch» gemessen würde. Das Problem ist die Vergleichbarkeit – zwischen Sammelstelle und Mühle auf unterschiedlicher Höhe, zwischen Routinemessung und Schiedslabor, im Import und Export und, wie der nächste Abschnitt zeigt, sogar zwischen zwei Wochen am selben Standort.

Nicht nur die Höhe, auch das Wetter verschiebt den Luftdruck

Das ist der Teil, der das Thema aus der Bergnische holt. Der Luftdruck an einem festen Ort ist keine Konstante. Zwischen einem kräftigen Hoch und einem ausgeprägten Tief liegen leicht 30 Hektopascal, und das entspricht rund 270 Höhenmetern.

Konkret: Ein Labor auf konstant 500 Metern misst dieselbe Rückstellprobe je nach Wetterlage zwischen etwa 258 und 276 Sekunden. Achtzehn Sekunden Unterschied, ohne dass sich Ware, Gerät oder Bediener verändert hätten. Für eine Sammelstelle im Mittelland, die über die gesamte Annahmesaison misst, ist das relevant – und es erklärt manche unerklärliche Abweichung zwischen einer Erstmessung im August und einer Nachprüfung im Oktober.

Daraus folgt eine praktische Konsequenz: Eine einmalig im Gerät hinterlegte Höhenangabe reicht nicht. Es braucht den tatsächlichen Luftdruck zum Zeitpunkt der Messung. Genau das war der Grund für den amerikanischen Wechsel von der Höhen- zur Luftdruckkorrektur.

Wie korrigierst du den Höheneinfluss?

In drei Stufen, von der organisatorischen Massnahme bis zur Rechnung.

  1. Den Luftdruck kennen und protokollieren. Der einfachste und wirksamste Schritt. Ein Barometer im Labor oder ein Gerät mit eingebautem Drucksensor kostet wenig und schafft überhaupt erst die Datengrundlage. Ohne dokumentierten Luftdruck ist eine nachträgliche Korrektur unmöglich.
  2. Rechnerisch auf eine gemeinsame Referenz normieren. Die Korrektur ist publiziert und in Formelform anwendbar. Sie wirkt multiplikativ auf die Fallzahl abzüglich der 60 Sekunden Rührzeit und verwendet eine mittlere Steigung von −6,336 × 10⁻⁴ Log-Einheiten pro Millibar Druckdifferenz zur Referenz von 1013,25 mbar:
    FN(Meereshöhe) = 60 + 10^[log(FN_gemessen − 60) + m × (1013,25 − P_gemessen)] Beispiel aus der Originalarbeit: Bei 900 mbar und einer gemessenen Fallzahl von 300 Sekunden ergibt die Korrektur 263 Sekunden. Alternativ lässt sich dieselbe Korrektur über die Höhe in Metern oder über die gemessene Wasserbadtemperatur rechnen.
    Eine Einschränkung gehört dazu: Diese Steigung ist ein Mittelwert über zwölf Proben. Die probenindividuellen Werte streuen um etwa den Faktor zwei, weshalb ein sortenabhängiger Restfehler bleibt. Die Korrektur beseitigt den Effekt nicht, sie reduziert ihn erheblich – das zeigen die verbliebenen Standardabweichungen von 0,9 bis 14,1 Sekunden.
  3. Den Messwert nachvollziehbar machen. Fallzahl und Luftdruck beziehungsweise Höhe gemeinsam rapportieren. Das ist der Schritt, der Streitfälle entschärft, weil zwei Labore dadurch überhaupt erst vergleichbar werden.

Ergänzend lohnt der Blick auf Anhang 2 der swiss-granum-Übernahmebedingungen, der unter dem Titel «Empfehlungen für eine hohe Präzision» eine sorgfältige Liste realer Fehlerquellen führt: servicegepflegte Geräte, geschultes Personal, ausschliesslich destilliertes Wasser, korrekt eingestellte Wasserdosierung auf 25 ml bei 22 °C, langsame Vermahlung von mindestens 300 Gramm, präzise Feuchtemessung als Basis der Einwaage, 20- bis 30-maliges Schütteln, maximal 30 Sekunden bis ins kochende Bad. Die Liste ist gut. Der Luftdruck steht nicht darauf – er ist auch der einzige Punkt, den man durch Sorgfalt allein nicht in den Griff bekommt.

Wie ernst man die übrigen Punkte nehmen muss, zeigt übrigens eine Randnotiz aus der Delwiche-Studie: Vier Proben eines Vorversuchs mussten aus der Auswertung genommen werden, weil das Dosierwasser noch zu kalt war – es war bei 5 bis 10 °C Aussentemperatur im Auto transportiert worden und hatte sich bis zur Messung nicht auf Raumtemperatur angeglichen. Ein Forschungsteam, das Zehntelgrad in einer Unterdruckkammer kontrolliert, ist über die Temperatur des Dosierwassers gestolpert.

Worauf solltest du beim Fallzahlgerät achten?

Vier Punkte entscheiden über die Praxistauglichkeit: ein normkonformes, für Handelszwecke validiertes Gerät nach ICC 107/1, ISO 3093 und AACC 56-81.03; ein integrierter Luftdrucksensor mit automatischer Umrechnung, damit die Korrektur nicht bei jeder Messung von Hand passieren muss; eine feuchtekorrigierte Berechnung der Einwaage; und eine Protokollierung, die den Messwert später nachvollziehbar macht.

Moderne Geräte lösen den Luftdruck heute automatisch. Die Perten Falling Number 1000 etwa erfasst den Umgebungsdruck über einen eingebauten Sensor, rechnet das Ergebnis automatisch um und meldet dem Bediener, wenn eine Korrektur nötig wird – zusätzlich zur feuchtekorrigierten Einwaage und einer Mischungsberechnung.

Hier geht es zu unseren Fallzahl-Messgeräten

Häufige Fragen zur Fallzahl und Höhenlage (FAQ)

Gilt der Höheneffekt auch für Roggen und Dinkel?2026-09-01T08:06:29+02:00

Ja. Der Effekt ist physikalisch bedingt und betrifft jede Fallzahlmessung im kochenden Wasserbad. Da Roggen und Dinkel mit 160 beziehungsweise 180 Sekunden tiefere Grenzwerte haben, fällt die absolute Verschiebung in Sekunden dort kleiner aus als bei Weizen – die relative Verzerrung ist dieselbe.

Warum weicht mein Wert von dem der Mühle ab?2026-09-01T08:06:12+02:00

Neben den klassischen Ursachen – Probenahme, Mahlgrad, Feuchtekorrektur der Einwaage, Wassertemperatur – kommt der Höhen- und Luftdruckunterschied zwischen den beiden Standorten hinzu. Liegt deine Sammelstelle höher als die Mühle, ist eine systematisch höhere Fallzahl auf deiner Seite zu erwarten.

Reicht es, die Höhe einmal im Gerät zu hinterlegen?2026-09-01T08:05:18+02:00

Nein. Der Luftdruck schwankt am selben Ort wetterbedingt um rund 30 Hektopascal, was etwa 270 Höhenmetern entspricht. Eine fixe Höhenangabe erfasst diesen Anteil nicht. Deshalb wird heute auf den tatsächlichen Luftdruck korrigiert, nicht auf die Höhe.

Ab welcher Höhe muss ich korrigieren?2026-09-01T08:04:57+02:00

Historisch galt in den USA eine Schwelle von rund 600 Metern; seit 2019 wird dort an allen Standorten korrigiert. Für die Schweiz ist die Frage weniger die absolute Höhe als die Vergleichbarkeit: Sobald Werte zwischen Standorten auf unterschiedlicher Höhe verglichen werden oder ein Grenzwert im Spiel ist, lohnt die Korrektur.

Steigt oder sinkt die Fallzahl mit der Höhe?2026-09-01T08:03:58+02:00

Sie steigt. Mit zunehmender Höhe sinkt der Luftdruck, das Wasserbad kocht kühler, und der Rührstab sinkt langsamer. Auf 800 Metern fällt eine Messung rund 14 Prozent höher aus als auf Meereshöhe – bezogen auf die Fallzahl abzüglich der 60 Sekunden Rührzeit.

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